FIFA ist nicht mehr reformierbar und sollte abgeschafft und durch einen neuen Weltfußballverband ersetzt werden, argumentiert Ethikprofessor
Wichtige Erkenntnisse
- •Professor Thomas Beschorner vertritt die Auffassung, dass die Probleme der FIFA struktureller Natur sind und eine interne Reform keine tragfähige Lösung mehr darstellt.
- •FIFA-Präsident Gianni Infantino sieht sich Vorwürfen des Amtsmissbrauchs im Zusammenhang mit seinem Wiederwahlkampf ausgesetzt.
- •Der FIFA-Vorschlag, Anteile an einer Gesellschaft, die die Weltmeisterschaft verwaltet, an private Investoren zu verkaufen, hat erheblichen Widerstand großer Fußballkonföderationen einschließlich UEFA, CONCACAF und des Asiatischen Fußballverbands ausgelöst.
- •Die Mitgliedsverbände der FIFA könnten ihre Mitgliedschaft rechtlich beenden und eine alternative Führungsorganisation gründen, was die Abschaffung der Organisation praktisch machbar macht.
- •Frühere Governance-Reformen nach dem Korruptionsskandal von 2015 haben die zugrunde liegende Machtkonzentration innerhalb der FIFA nicht behoben, so Beschorner.

Der weltweite Fußballverband FIFA hat einen Punkt erreicht, an dem eine interne Reform keine realistische Perspektive mehr darstellt, argumentiert Professor Thomas Beschorner, Experte für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen. Anstatt versuchen, eine strukturell fehlerhafte Organisation zu reparieren, vertritt er die Auffassung, dass der bessere Weg darin besteht, die FIFA vollständig aufzulösen und durch einen neu konstituierten Weltfußballverband zu ersetzen.
Das sportliche Spektakel der Weltmeisterschaft in diesem Sommer mag vorbei sein, doch die Kontroversen rund um die FIFA als Ausrichterin des Turniers halten an. Mehrere ethische Verstöße während des Wettbewerbs waren symptomatisch für tieferliegende organisatorische Versäumnisse und keine Einzelfälle, schreibt Beschorner.
Über das Turnier hinaus haben weitere Entwicklungen das Vertrauen in die Integrität der FIFA weiter untergraben. Der Schweizer Präsident der Organisation, Gianni Infantino, sieht sich Vorwürfen des Amtsmissbrauchs im Zusammenhang mit seinem Wiederwahlkampf ausgesetzt. Gleichzeitig drängt die FIFA – selbst ein nach Schweizer Recht eingetragener Privatverein – darauf, den Fußball weiter zu kommerzialisieren, indem sie Anteile an einer Gesellschaft, die die Weltmeisterschaft verwalten soll, an eine Gruppe privater Investoren verkauft. Der Vorschlag ist besonders folgenreich, da die Weltmeisterschaft Milliardenbeträge an Übertragungs- und Sponsoreneinnahmen generiert, was die Kontrolle über ihre Kommerzialisierung zu einer Frage enormer finanzieller stakes für den globalen Fußball macht.
Das Argument für Reformen greift zu kurz
Eine mögliche Reaktion wäre, grundlegende Reformen innerhalb der FIFA zu initiieren, die auf eine maximale institutionelle Integrität abzielen. Dies erscheint jedoch unrealistisch, da die Schwierigkeiten der Organisation struktureller und nicht bloß beiläufiger Natur sind. Die FIFA sah sich bereits früher mit ähnlichem Druck konfrontiert: Der Korruptionsskandal von 2015, der zu Anklagen des US-Justizministeriums gegen Dutzende von Fußballfunktionären und zum Rücktritt des langjährigen Präsidenten Sepp Blatter führte, löste eine Runde von Governance-Änderungen aus, darunter die Ausweitung des Mandats der Ethikkommission. Dennoch argumentiert Beschorner, dass diese Maßnahmen die zugrunde liegende Machtkonzentration nicht angegangen seien.
Die Macht innerhalb der FIFA ist stark konzentriert, und ihre Governance-Struktur bietet nur minimalen Raum für die checks and balances, die notwendig wären, um strategische Ziele mit ethischen Erwägungen in Einklang zu bringen. Jahrelang funktionierten die Ethikkommissionen der FIFA weitgehend als zeremonielle oder symbolische Gremien statt als wirksame Aufsichtsinstrumente. In bestimmten Fällen wurden unliebsame kritische Stimmen aus diesen Kommissionen einfach entlassen.
Der anhaltende Streit über das geplante kommerzielle Abspaltungsgeschäft hat diese strukturellen Schwächen nur noch deutlicher gemacht. Die Reaktion der wichtigsten Stakeholder unterstreicht, wie wenig Vertrauen die Governance der FIFA in der Fußballwelt noch genießt.
Das Argument für die Abschaffung
Wenn man die Fähigkeit der FIFA zur Selbstreform als nicht realisierbares Szenario betrachtet, ergibt sich eine zweite Option: die Organisation vollständig abzuschaffen und an ihrer Stelle eine neue Führungsorganisation zu gründen.
Praktisch gesehen ist dies machbar. Die FIFA ist im Kern ein Zusammenschluss nationaler Fußballverbände. Jeder Mitgliedsverband könnte seine Mitgliedschaft beenden und sich ohne rechtliche Hindernisse einem alternativen Verband anschließen.
Gedankenexperimente können oft reale Möglichkeiten aufzeigen. Was wäre, wenn beispielsweise mächtige europäische Nationalverbände – oder alle UEFA-Mitglieder – zusammen mit Verbänden wie Argentinien, Brasilien und Japan aus der FIFA austräten und einen neuen Weltfußballverband gründeten? Was bis vor Kurzem eine abstrakte Vorstellung war, hat sich mittlerweile entschieden in den Bereich konkreten politischen Drucks verschoben, wobei UEFA, CONCACAF und der Asiatische Fußballverband nun in Solidarität gegen den Kommerzialisierungsvorschlag der FIFA stehen.
Ein solches Unterfangen wäre komplex und würde koordiniertes Handeln mehrerer Akteure erfordern. Doch allein die Sichtbarkeit der Opposition zeigt, wie ernst der Widerstand geworden ist.
Eine wachsende Koalition der Kritiker
Der Dissens reicht weit über die Konföderationen hinaus. Der Europarat und sein Generalsekretär, der ehemalige Schweizer Minister Alain Berset, haben sich zu Wort gemeldet. Der Schweizer Fußballverband prüft aktiv, ob er Infantinos Wiederwahlkandidatur unterstützen soll. Der Seniorberater Carlos Cordeiro ist aus Protest zurückgetreten.
Diese Personen und Organisationen sowie zahlreiche andere haben ihre Kritik an der FIFA offen geäußert. Wie die UEFA erklärte: „Keiner von uns besitzt den Fußball. Es steht der FIFA nicht zu, ihn zu verkaufen."
Es ist an der Zeit, entschiedenes Handeln zu ergreifen, um eine Sportart zu bewahren, in der Fairness und Anstand – sowohl auf als auch neben dem Platz – von größter Bedeutung sind, argumentiert Beschorner. Ohne strukturellen Wandel wird sich der Kreislauf der Kontroversen bei der nächsten Weltmeisterschaft einfach wiederholen.
Thomas Beschorner ist Professor für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen.