EU startet Ausschreibung für KI-Gigafabriken im Wert von 30 Milliarden Euro zur Verringerung der Abhängigkeit von US-Cloud-Anbietern
Wichtige Erkenntnisse
- •Das EU-Gigafabrik-Programm zielt auf Gesamtinvestitionen von über 30 Milliarden Euro ab, wobei die öffentliche Finanzierung auf 35 % der Projektkosten begrenzt ist und rund 10 Milliarden Euro aus nationalen und EU-Mitteln stammen.
- •Jeder Gigafabrik-Standort ist für die Aufnahme von bis zu 100.000 hochmodernen KI-Prozessoren für das Training und den Einsatz groß angelegter Modelle ausgelegt.
- •Die Ausschreibung ist in zwei Kategorien unterteilt, die bis zu vier mittelgroße Anlagen und bis zu drei große Anlagen unterstützen, wobei Deutschland, Italien, Griechenland, Portugal und Spanien zu den Ländern gehören, die Interesse an der Beherbergung bekundet haben.
- •Die EU hat Absichtserklärungen mit AMD, Nvidia und Qualcomm zur Sicherung des Hardwarezugangs unterzeichnet, bleibt jedoch von ausländischen Halbleiterherstellern abhängig.
- •Die Frist für Bewerbungen endet am 12. November 2026, wobei Vergabeentscheidungen für Anfang 2027 erwartet werden und ausgewählte Projekte voraussichtlich etwa 18 Monate nach Vertragsunterzeichnung den Betrieb aufnehmen.

Die Europäische Union hat das Ausschreibungsverfahren für bis zu sieben KI-"Gigafabriken" eröffnet – ein Beschaffungsprogramm, das darauf ausgelegt ist, mehr als 30 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen zu mobilisieren. Die Initiative zielt darauf ab, europäischen Unternehmen Zugang zu der Rechenleistung zu verschaffen, die sie zur Entwicklung fortschrittlicher KI-Modelle benötigen, und die Abhängigkeit des Blocks von Cloud-Diensten US-amerikanischer Unternehmen wie Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud zu verringern, die zusammen einen großen Anteil am europäischen Cloud-Infrastrukturmarkt halten.
Die Entscheidung kommt zu einem Zeitpunkt, da die Rechenkapazität zu einem der bedeutendsten Engpässe in der KI-Branche geworden ist. Fortschrittliche KI-Modelle benötigen für ihr Training Cluster aus Zehntausenden von Hochleistungsbeschleunigern, und europäische Beamte räumen ein, dass die bestehende öffentliche Infrastruktur extrem belastet ist. Der Schritt erfolgt zudem vor dem Hintergrund eines sich verschärfenden globalen Wettbewerbs, in dem sowohl die Vereinigten Staaten als auch China erhebliche öffentliche und private Ressourcen in die KI-Recheninfrastruktur lenken.
Die Initiative ist Teil des breiter angelegten Aktionsplans AI Continent der Europäischen Kommission, der eine souveräne KI-Rechenkapazität zum Ziel hat. Sie spiegelt außerdem einen globalen Trend wider, der im AI Index 2026 der Stanford University identifiziert wurde und der zeigt, dass Länder weltweit KI-Infrastruktur zunehmend als strategisches Nationalgut behandeln – gleichrangig mit Halbleitern, Energie und Daten.
Der Imperativ der Hardware
Ein ranghoher Beamter der Europäischen Kommission fasste Europas Herausforderung unmissverständlich zusammen: "Die aktuelle Infrastruktur ist ausgelastet bis zum Limit."
Das bedeutet, dass das Haupthindernis für den KI-Fortschritt in Europa nicht ein Mangel an Forschungstalenten ist, sondern eine unzureichende Rechenkapazität. Diese Aussage bestätigt Stanfords Schlussfolgerung, dass die Entwicklung von KI-Frontiertechnologien tendenziell Akteure bevorzugt, die über die finanziellen Ressourcen verfügen, um riesige GPU-Farmen zu errichten und zu betreiben.
Nach dem Plan für KI-Gigafabriken wird jeder Standort die Kapazität haben, bis zu 100.000 hochmoderne KI-Prozessoren zu installieren, unterstützt von fortschrittlichen Netzwerken, Cloud-Software, zuverlässigen Stromquellen und modernster Kühltechnologie für das Training und den Einsatz groß angelegter Modelle.
Europa hat bereits 19 KI-Fabriken eingerichtet, die an öffentliche Supercomputer angeschlossen sind. Die Gigafabriken sollen diese ergänzen, indem sie größere, privat geführte Rechenzentren schaffen. Ziel ist es sicherzustellen, dass die KI-Entwicklung innerhalb der etablierten europäischen Regulierungs- und Data-Governance-Rahmenwerke stattfindet, einschließlich des EU AI Acts, dem ersten umfassenden Rechtsrahmen für künstliche Intelligenz weltweit.
Die Initiative steht auch im Einklang mit dem Koordinierungsplan für künstliche Intelligenz der EU, der seit 2018 darauf abzielt, die Investitionen der Mitgliedsstaaten zu bündeln, anstatt fragmentierte nationale Bemühungen zu verfolgen.
Finanzierungsaufschlüsselung
Die Finanzierungsstruktur nutzt öffentliche Mittel, um private Investitionen anzuziehen. Von den insgesamt 30 Milliarden Euro werden voraussichtlich rund 10 Milliarden Euro aus nationalen und EU-Quellen stammen, die zusätzliche 20 Milliarden Euro von privaten Investoren mobilisieren. Die öffentliche Finanzierung wird generell auf 35 % der Projektkosten begrenzt sein.
Einige Finanzierungsmittel hängen noch von den anstehenden EU-Haushaltsverhandlungen ab. Die European High-Performance Computing Joint Undertaking (EuroHPC JU) wird den wettbewerblichen Auswahlprozess verwalten und damit die EU-Strategie fortsetzen, öffentliche Mittel zur Katalysierung privater Investitionen in kritische Technologien einzusetzen.
Die Pressemitteilung der Europäischen Kommission und eine separate Ankündigung bestätigen die Beteiligung der European Investment Bank Group an der Unterstützung des Programms.
Ausschreibungsstruktur mit zwei Losen
Die Ausschreibung ist in zwei Kategorien unterteilt. Ein Los unterstützt bis zu vier mittelgroße Gigafabriken, während das andere bis zu drei große Anlagen umfasst. Je nach Projekt kann die kombinierte Finanzierung von EU und nationalen Regierungen zwischen 1 und 2 Milliarden Euro liegen.
Mittelgroße Standorte sollen effizient 25.000 bis 75.000 KI-Prozessoren einsetzen, während die größten Anlagen mehr als 100.000 überschreiten könnten. Deutschland, Italien, Griechenland, Portugal und Spanien gehören zu den Ländern, die Interesse an der Beherbergung der großen Anlagen bekundet haben.
Ein Cluster dieser Größenordnung würde eine EU-Gigafabrik unter die größten KI-Trainings-Infrastrukturen einreihen, die von großen US-Konzernen betrieben werden, würde jedoch immer noch hinter den massiven GPU-Implementierungen zurückbleiben, die von Unternehmen wie xAI geplant sind. Dieser Vergleich unterstreicht das Ziel von Brüssel, Anlagen zu errichten, die in der Lage sind, KI-Frontiermodelle zu trainieren, anstatt als herkömmliche Forschungs-Supercomputer zu dienen.
Die Abhängigkeit, die Europa nicht beseitigen kann
Der Aufbau einer unabhängigen KI-Infrastruktur reduziert allein nicht Europas Abhängigkeit von ausländischen Halbleiterherstellern. Im Anschluss an das im Juli 2026 erreichte EU-US-Handelsabkommen hat die Kommission Absichtserklärungen mit AMD, Nvidia und Qualcomm unterzeichnet, um den Hardwarezugang für die Gigafabrik-Projekte zu verbessern.
Die Beamten bleiben in dieser Hinsicht pragmatisch. Es wird erwartet, dass künftige Hardware-Upgrades aufgrund des intensiveren Wettbewerbs eine breitere Palette von Lieferanten umfassen werden, doch Chips allein werden das Problem nicht lösen. Die Internationale Energieagentur hat betont, dass KI-Rechenzentren die steigende weltweite Stromnachfrage vorantreiben, sodass zuverlässige Stromquellen, ausreichende Netzkapazitäten und fortschrittliche Kühlsysteme genauso entscheidend sind wie die Prozessoren selbst.
Zeitplan
Die Frist für Bewerbungen endet am 12. November 2026. EuroHPC-Bewertungen werden die Vergabeentscheidungen bestimmen, die für Anfang 2027 erwartet werden. Die ausgewählten Projekte sollen etwa 18 Monate nach Vertragsunterzeichnung den Betrieb aufnehmen.
Henna Virkkunen, Exekutivvizepräsidentin der Europäischen Kommission für Tech-Souveränität, Sicherheit und Demokratie, nannte den Start "einen Meilenstein" für die KI-Ambitionen des Blocks.
Die Gigafabriken sollen mehr leisten als nur die Cloud-Kapazität zu erweitern. EU-Beamte stellen sich vor, dass die Anlagen die Infrastruktur bereitstellen werden, um die Einführung von KI in Bereichen wie Fertigung, Gesundheitswesen, Verkehr und öffentliche Dienste zu beschleunigen. Eine OECD-Analyse zeigt jedoch, dass die KI-Einführung in Europa uneinheitlich verläuft, was bedeutet, dass die zusätzlichen 30 Milliarden Euro an Rechenleistung nur eine Komponente der umfassenderen Bemühungen zur Stärkung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit darstellen.