NachrichtenAktienWer schätzt die Demokratie? Börsenbewertungen als Maßstab für Demokratisierung und Umverteilung

Wer schätzt die Demokratie? Börsenbewertungen als Maßstab für Demokratisierung und Umverteilung

Autor: Marginal Revolution·

Wichtige Erkenntnisse

  • Die Studie nutzt Börsendaten aus 90 Ländern über 200 Jahre und zeigt, dass Demokratisierungen die Bewertungen von Vermögenswerten durch ein höheres Umverteilungsrisiko erheblich senken.
  • Risikoprämien sind vor und während Demokratisierungen deutlich erhöht – in einer Größenordnung, wie sie auch bei Finanzkrisen beobachtet wird.
  • Eine Änderung der Lehre der katholischen Kirche zugunsten der Demokratie liefert kausale Evidenz, dass Demokratisierungen die Risikoprämien erhöhen.
  • Auf erfolgreiche Demokratisierungen folgen ein größerer Staat, geringere Einkommensungleichheit und ein höherer Lohnanteil am Einkommen; sinkende Ungleichheit und höhere Steuern erklären etwa die Hälfte der Vermögenspreiseffekte.
  • Das Modell erklärt die gedämpfte Vermögenspreisreaktion auf Autokratisierungen; weder makroökonomisches noch allgemeines politisches Risiko erklären die Ergebnisse.
Wer schätzt die Demokratie? Börsenbewertungen als Maßstab für Demokratisierung und Umverteilung

Eine neue Studie untersucht die lange vertretene Auffassung, dass Umverteilung im Kern des Demokratisierungsprozesses steht, und überprüft diese These anhand von Börsendaten. Die Ergebnisse sind mit dieser Sichtweise vereinbar: Demokratisierungen wirken sich erheblich negativ auf die Bewertungen von Vermögenswerten aus, angetrieben durch einen Anstieg des Umverteilungsrisikos.

Der Umverteilungsansatz der Demokratisierungstheorie besagt, dass die Ausweitung des Wahlrechts die politische Macht zu ärmeren Mehrheiten verschiebt, die anschließend für Steuern und Transfers stimmen, welche die Kapitalerträge senken. Eine empirische Überprüfung war lange Zeit schwierig – genau das macht den Assetmarkt-Ansatz der Studie besonders: Aktienkurse sollten die Erwartungen der Investoren an künftige Besteuerung und Umverteilung widerspiegeln und bieten somit einen vorausschauenden Maßstab dafür, wie Märkte einen Regimewechsel einpreisen.

Auf Grundlage von Daten aus 90 Ländern über 200 Jahre zeigt die Studie, dass Risikoprämien in den Zeiträumen vor und während Demokratisierungen deutlich erhöht sind – in einer Größenordnung ähnlich der während Finanzkrisen. Eine Änderung der Lehre der katholischen Kirche zugunsten der Demokratie liefert kausale Evidenz dafür, dass Demokratisierungen die Risikoprämien erhöhen.

Laut der Studie führen erfolgreiche Demokratisierungen zu erheblicher Umverteilung: Der öffentliche Sektor wächst, die Einkommensungleichheit sinkt und der Lohnanteil am Einkommen steigt. Eine erweiterte Version des kanonischen umverteilungsbasierten Modells der Demokratisierung, die Vermögenspreise einbezieht, kann diese Effekte quantitativ erklären. Sinkende Ungleichheit und höhere Steuern erklären etwa die Hälfte der Ergebnisse; der Rest geht auf stärkeren wirtschaftlichen Wettbewerb und mehr Gleichheit bei den Staatsausgaben zurück.

Das Modell erklärt auch die vernachlässigbare Reaktion der Vermögenspreise auf Autokratisierungen – ein Befund, der zum Umverteilungsrahmen passt: Wenn nicht erwartet wird, dass ein Weg in die Autokratie die Besteuerung von Kapital stark erhöht oder senkt, haben Vermögenspreise kaum Anlass zu reagieren. Der Autor zeigt, dass weder ein Anstieg des makroökonomischen Risikos noch allgemeines politisches Risiko die Ergebnisse erklären kann.

Die Studie stammt von Max Miller und ist nun im Journal of Political Economy (JPE) erschienen; eine frei zugängliche Version ist hier verfügbar. Der Beitrag erschien ursprünglich auf Marginal Revolution.