NachrichtenMakroFrauen wollen „Väter“, keine „Versager“: Eine Nobelpreisträgerin hat eine Theorie zu sinkenden Geburtenraten – doch die Ökonomie ist nicht so einfach

Frauen wollen „Väter“, keine „Versager“: Eine Nobelpreisträgerin hat eine Theorie zu sinkenden Geburtenraten – doch die Ökonomie ist nicht so einfach

Autor: Fortune Crypto·

Wichtige Erkenntnisse

  • Claudia Goldin, Harvard-Ökonomin und Nobelpreisträgerin 2023, argumentiert in einem NBER-Arbeitspapier, dass hochgebildete Frauen eher Kinder bekommen, wenn sie die Erträge ihrer Ausbildung während der Kindererziehung nutzen können – was Partner voraussetzt, die glaubwürdig Betreuungsaufgaben teilen.
  • Kritiker entgegnen, dass die US-Geburtenrate zwischen 2016 und 2026 weiter sank, obwohl Männer etwas mehr Hausarbeit übernahmen, und verweisen darauf, dass es sich um ein Arbeitspapier vor der formalen Begutachtung handelt.
  • Die US-Gesamtfertilitätsrate liegt seit Jahren bei rund 1,6 Geburten je Frau und damit unter dem etwa 2,1-Niveau des Bestandserhalts; Südkorea und Italien liegen noch niedriger.
  • Staatliche Maßnahmen wie Bargeldanreize und längerer Elternurlaub in Südkorea, subventionierte Wohnungsdarlehen und Steuervorteile für Familien in Ungarn sowie mehr IVF-Zugang in den USA haben die Fertilität nicht wieder auf Bestandserhaltungsniveau gehoben.
  • Die Stanford-Ökonomin Myra Strober führt sinkende Geburtenraten darauf zurück, dass die wirtschaftliche Notwendigkeit von Kindern von der Familie auf die Gesellschaft übergegangen ist; sie und Abby Davisson betonen, dass sich kulturelle Erwartungen an Eltern parallel zur Politik ändern müssen.
Frauen wollen „Väter“, keine „Versager“: Eine Nobelpreisträgerin hat eine Theorie zu sinkenden Geburtenraten – doch die Ökonomie ist nicht so einfach

Die weltweit mächtigsten Volkswirtschaften sind angesichts sinkender Geburtenraten zunehmend alarmiert, und es mangelt nicht an Erklärungsansätzen. SpaceX-Gründer Elon Musk meint, die Gesellschaft lehre „Angst vor Schwangerschaft“, während politische Entscheidungsträger in Frankreich offenbar glauben, junge Menschen vergäßen schlicht die Fortpflanzung – und deshalb Erinnerungsbriefe an 29-Jährige verschickten. Andere Erklärungen sind nüchterner: Die Kosten für die Kindererziehung seien zu hoch, oder künftige Eltern sorgten sich, die Welt verfüge bereits nicht mehr über die Ressourcen, um die Bevölkerungszahlen zu tragen. Die wirtschaftlichen Folgen sind ebenso bedeutend wie die demografischen: Anhaltend niedrige Fertilität bedeutet weniger künftige Arbeitskräfte und Steuerzahler, die eine wachsende Rentnerbevölkerung finanzieren, mit Folgedruck auf Renten- und Gesundheitssysteme. In den USA lag die Gesamtfertilitätsrate in den vergangenen Jahren bei rund 1,6 Geburten je Frau – deutlich unter dem etwa 2,1-Niveau, das für den Bestandserhalt einer Bevölkerung nötig ist – während Länder wie Südkorea und Italien noch niedrigere Werte ausweisen.

Ein working paper von Claudia Goldin, einer Nobelpreisträgerin und Wirtschaftshistorikerin an der Harvard University, die 2023 den Nobel Memorial Prize in Economic Sciences für ihre jahrzehntelange Forschung zu Frauen auf dem Arbeitsmarkt erhielt, schlägt eine alternative Erklärung vor: Vielleicht sorgen sich hart arbeitende, hochgebildete Frauen um die Autonomie, die sie aufgeben müssten, wenn ihre Partner die Last der Kindererziehung nicht mittragen.

„Women who undertake greater investments in themselves will be more likely to have children if they can reap the financial and personal rewards from their education while raising their children“, schreibt Goldin. „In the absence of that assurance, they will be more likely either not to have children or not to undertake the initial investment in themselves.“

Sie fügt hinzu: „The more that men can credibly signal they will be dependable 'dads' and not disappointing 'duds,' the more investment in women's education and careers, and the higher will be the birthrate in the face of greater female agency.“

Eine elegante, umstrittene Theorie

Die Theorie ist schlüssig – und hat genau deshalb Kritik auf sich gezogen. Einige Beobachter weisen darauf hin, dass die Geburtenraten weiter gesunken sind, obwohl Hausarbeit gerechter verteilt wurde. Daten des Bureau of Labor Statistics zeigen, dass sich zwischen 2016 und 2026 die von Männern für Haushaltsaktivitäten aufgewendeten Stunden leicht erhöht haben, während die von Frauen geleisteten Stunden etwas zurückgingen. Die Geburtenraten sind dennoch weiter gesunken. Andere Kritiker bemängeln, die in der Forschung verwendeten Daten seien uneinheitlich; Skeptiker fragen zudem, was „Zuverlässigkeit“ bei Vätern überhaupt bedeute. Goldins Analyse erscheint zudem als NBER working paper – ein Format, das das Bureau vor der formalen Peer-Review zur Diskussion und Kommentierung verbreitet –, was der von ihr offen eingeladenen Debatte reichlich Raum lässt.

Goldin behauptet nicht, alle Antworten auf die Fragen zu haben, die ihre Arbeit aufwirft. „When women did not have any choice, [having children] is what they did“, sagt sie gegenüber Fortune. „But now they are given a choice.“ Auch Männer stünden nun vor einer Wahl, ergänzt sie: wie sie zeigen können, ob sie ein dud oder ein dad sind. Doch „we don't really know the answer [to] what sort of commitment mechanisms [men] have“, sagt Goldin.

Vielleicht auch durch ihre Forschung auf diese Dynamik sensibilisiert, sagt Goldin, dass sie bei ihren Studierenden anekdotische Hinweise erkennen könne: „I can pretty much tell who the good dads are. There's no question—they are the individuals who are clearly going to share and [are] going to engage in what I would call couple equity.“

„Couple equity means not equality—it doesn't mean you're doing exactly the same things … but it does mean that each of them has decided that they're willing to give up a certain amount of income and prestige to raise a child or two, or three together.“

Kein neues Phänomen

Auch wenn Goldins Methodik diskutiert werden kann – und die Historikerin tatsächlich offen für Rückmeldungen ist –, sorgt die Forschung dennoch für Aufmerksamkeit. Auf einer oberflächlichen Ebene sind die Google-Suchanfragen nach Goldins Namen im vergangenen Jahr um 400% gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Generell rückt das Thema Geburtenraten weiter auf der politischen Agenda nach oben: Präsident Trump hat sogar angedeutet, er werde dank Maßnahmen zur Unterstützung der Geburtenrate, etwa durch besseren Zugang zu IVF, als „fertilization president“ bekannt sein.

Warum also der plötzliche Fokus? Die Trends, die Goldins Formel antreiben, sind keineswegs neu: Frauen investieren seit den vergangenen 50 Jahren in immer größerer Zahl in ihre Ausbildung. Die jüngste Berichterstattung des Bureau of Labor Statistics (BLS) für das Jahr 2024 ergab, dass unter jüngsten Highschool-Absolventen im Alter von 16 bis 24 Jahren 69,5% der Frauen an einer Hochschule eingeschrieben waren, während dies bei 55,4% der Männer ebenfalls der Fall war. Zugleich zeigen Census-Daten von vor 50 Jahren, dass 1974 45,87% der 14- bis 24-Jährigen, die sich an einer Hochschule einschrieben, Frauen waren.

Neben dem Wunsch von Frauen, aus Freude und persönlicher Erfüllung Karriere aufzubauen, ist auch die wirtschaftliche Notwendigkeit dafür gestiegen. Brookings stellte in einer Studie von 2020 fest, dass Haushalte mit mittlerem Einkommen ohne die Einkommen von Frauen zwischen 1979 und 2018 praktisch kein Einkommenswachstum verzeichnet hätten.

Myra Strober, Arbeitsökonomin und Professor Emerita an der School of Education der Stanford University, sieht eine Antwort, die sowohl einfacher als auch weiter gefasst ist als die Daten der vergangenen halben Jahrhunderts vermuten lassen: Der Bedarf an Kindern habe sich von der Haushaltsebene auf die gesellschaftliche Ebene verlagert.

„Historically, people had children because they needed them“, sagt Strober gegenüber Fortune. „In an agricultural economy, you needed children to do the work … as agriculture has become a less and less important part of our economy, people don't need children the way they did before.

“And people had lots of children because the infant mortality rate was high. You couldn't be assured that the children you had would live to adulthood, and so you better ensure you have plenty of children to help around the farm. Once agriculture declines and the infant mortality rate goes way down … people don't need children in the way that they did.”

Strober gründete den bekannten Stanford-Kurs „Women and Work“ (später umbenannt in „Work and Family“), in dem sie die Studentin Abby Davisson kennenlernte, heute Unternehmerin und Beraterin. Beide verfassten 2023 gemeinsam ihr Buch Money and Love, das inzwischen an der Graduate School of Business der Stanford University Pflichtlektüre ist.

Am Ende ihres Buches untersuchen die beiden, in welchem Umfang öffentliche Politik in Haushaltsentscheidungen einsickert. „Yet we have not changed our policies around … work expectation or cultural norms. It's much easier to change policy than it is to change culture“, sagt Davisson gegenüber Fortune.

„There is a cultural conversation piece that's tricky here, even if we have the best geopolitical policies and …. everyone holds hands and agrees on that, if the culture—the expectations for parents do not change, if the expense for raising children does not change—I don't see how we're going to see different behaviour at the individual level, because it's not just this one piece of policy.“

„We should be thinking about the economy as a whole and public policy rather than bedroom policy“, fügte Strober hinzu.

Ein wirtschaftlicher Gewinn

Unabhängig davon, ob Partnerschaftsgleichheit die Ursache sinkender Geburtenraten ist, sprechen sich Goldin, Strober und Davisson gemeinsam dafür aus – die beiden Letztgenannten fügen ihrem Buch sogar Checklisten bei, um Gespräche zwischen Paaren anzustoßen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Gleichberechtigung kein wichtiges wirtschaftliches Thema mehr wäre.

„If you begin with the thought that you have a distribution among women and men of talent and creativity, why would you not want to use both distributions and take the top of each to run your economy and your society?“ fragt Strober. „In terms of economic well-being, social well-being, use of resources, you want to look equally among men and women.“

Davisson, Mutter von zwei Jungen, ergänzt: „I really value the fact that my children see their father in food preparation mode all the time—he's the family chef—like they're going to grow up thinking that that is totally normal. The value is both for the workplace and for the citizens in that workplace.“

Diese Geschichte erschien ursprünglich auf Fortune.com.