Kanada: Handelsabkommen mit den USA steht kurz bevor – doch es bleibt noch Arbeit
Wichtige Erkenntnisse
- •Der kanadische Handelsminister Dominic LeBlanc erklärte nach Marathonverhandlungen in Washington, die beiden Länder seien einem Abkommen „sehr nah“.
- •Dem Bericht zufolge würde das Abkommen die Zölle auf kanadischen Stahl und Aluminium halbieren und die Abgaben auf Automobile senken.
- •Präsident Donald Trump kündigte eine dreitägige Aussetzung der Zölle an, die ursprünglich am 19. und 20. August in Kraft treten sollten.
- •Der kanadische Dollar stieg auf seinen höchsten Stand seit fast drei Monaten, da Handelsoptimismus und höhere Ölpreise die Stimmung hoben.
- •Scheitern die Verhandlungen, könnte die angedrohte 50-prozentige Zollerhebung auf kanadische Waren im Wert von 20 bis 30 Milliarden US-Dollar zurückkehren.

Kanada und die Vereinigten Staaten stehen offenbar kurz vor einem Handelsabkommen. Der kanadische Handelsminister Dominic LeBlanc erklärte nach Marathonverhandlungen in Washington, die beiden Länder seien „sehr nah“ beieinander. Die Gespräche mit dem US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer dauerten mehr als drei Stunden und sollen einen Zollkonflikt entschärfen, der den nordamerikanischen Handel seit Monaten beeinträchtigt.
Dem vorgeschlagenen Abkommen zufolge würden die US-Zölle auf kanadischen Stahl und Aluminium halbiert und zugleich die Abgaben auf Automobile gesenkt. Das wäre ein deutlicher Rückzug von der 50-prozentigen Zollerhebung auf kanadische Waren, mit der Washington gedroht hatte – einer Maßnahme, die Schätzungen zufolge Exporte im Wert von 20 bis 30 Milliarden US-Dollar getroffen hätte. Für Hersteller und Zulieferer auf beiden Seiten der Grenze steht dabei weniger die Schlagzeile im Vordergrund als die Frage, ob die grenzüberschreitende Produktion mit weniger Unterbrechungen weiterlaufen kann.
Ein dreitägiger Waffenstillstand
Präsident Donald Trump schürte zusätzlichen Optimismus, indem er eine dreitägige Aussetzung der Zölle ankündigte, die ursprünglich am 19. und 20. August in Kraft treten sollten. Er verwies auf die Möglichkeit eines Abschlusses und erwähnte in einer eher beiläufigen Bemerkung die Wiederbelebung der Keystone-XL-Pipeline als Teil der breiteren bilateralen Agenda.
Auch Premierminister Mark Carney hat die Fortschritte gewürdigt, die beide Seiten als erheblich bezeichnen.
Dennoch sind „sehr nah“ und „abgeschlossen“ nicht umsonst unterschiedliche Wörter. LeBlanc betonte, dass noch Arbeit zu leisten sei, und machte deutlich, dass die abschließenden Details für die von Stahl-, Aluminium- und Autozöllen betroffenen Branchen weiterhin von Bedeutung sind.
Whisky-Diplomatie und Provinzpolitik
In einer der ungewöhnlicheren Entwicklungen haben kanadische Provinzen Alkohol als Verhandlungsmasse eingesetzt. Alle Provinzen mit Ausnahme von Alberta und Saskatchewan stimmten zu, US-Spirituosen wieder in die Verkaufsregale zurückzuholen – eine Geste des Wohlwollens, die zeigen soll, dass Kanada bereit ist, die Spannungen abzubauen.
Das Verkaufsverbot war während der Zolleskalation als Vergeltungsmaßnahme eingeführt worden. Die Regierungschefs der Provinzen, die der Rückkehr der Produkte in die Regale zustimmten, begründeten den Schritt mit Pragmatismus, während diejenigen, die ablehnten, ihre Einwohner dazu aufriefen, stattdessen zu im Inland hergestellten Alternativen zu greifen. Das Beispiel zeigt, wie sich der Streit über die Bundesebene hinaus auf die Provinzpolitik und auf Entscheidungen mit unmittelbarer Wirkung auf Verbraucher ausgeweitet hat.
Die Märkte preisen ein Abkommen bereits ein
Der kanadische Dollar hat als Reaktion auf die Verhandlungen aufgewertet und ist auf seinen höchsten Stand seit fast drei Monaten gestiegen. Die Stärke der Währung spiegelt eine Kombination aus Handelsoptimismus und höheren Ölpreisen wider, die beide die kanadische Wirtschaft unmittelbar stützen.
Stahl- und Aluminiumhersteller würden von einem Abkommen wahrscheinlich die unmittelbarste Entlastung erfahren. Kanadische Unternehmen dieser Branchen stehen seit Monaten unter der Drohung von 50-prozentigen Abgaben. Ein Abkommen, das niedrigere Sätze festschreibt, würde ihnen erstmals seit Monaten mehr Sicherheit bei Investitionsentscheidungen geben.
Auch die Automobilbranche steht im Zentrum der Gespräche. Autos und Autoteile überschreiten im Herstellungsprozess mehrfach die Grenze zwischen den USA und Kanada, sodass niedrigere Autozölle nicht nur kanadische Hersteller, sondern auch amerikanische Automobilkonzerne betreffen würden, die auf grenzüberschreitende Produktionsnetzwerke angewiesen sind.
Sollte das Abkommen scheitern, würde eine vollständige 50-prozentige Zollerhebung auf kanadische Waren im Wert von 20 bis 30 Milliarden US-Dollar eine der größten Handelsschranken zwischen beiden Ländern der neueren Geschichte darstellen. Trumps dreitägige Zollpause hat ein enges Zeitfenster geschaffen: Kommen die Verhandlungen ins Stocken, treten die Abgaben wieder in Kraft.