Kanada setzt Handelsgespräche mit den USA aus und verkündet zum 8. September Vergeltungsmaßnahmen als Reaktion auf den 50-Prozent-Zoll
Wichtige Erkenntnisse
- •Die Vereinigten Staaten verhängten einen 50-prozentigen Zoll auf rund 28 Milliarden US-Dollar kanadischer Exporte, was zum Scheitern der Gespräche beitrug.
- •Kanada wird ab dem 8. September Vergeltungszölle auf US-Waren einführen und darüber hinaus gezielte finanzielle Unterstützung für betroffene Branchen bereitstellen.
- •Ottawas Unterstützungspaket umfasst einen Fonds über 5 Milliarden US-Dollar für von den Zöllen betroffene Unternehmen sowie 80 Millionen US-Dollar für Atlantik-Kanada.
- •Der Handelsstreit folgt auf ein Jahr eskalierender US-Zollmaßnahmen, darunter frühere 25-prozentige Abgaben sowie erhöhte Stahl- und Aluminiumzölle.
- •Die Verhandlungen sollten die USMCA-Handelsbeziehungen vor der für 2026 angesetzten gemeinsamen Überprüfung des Abkommens neu ausrichten.

Kanada und die Vereinigten Staaten befinden sich in ihrem heftigsten Handelsstreit seit Jahren, und er hat sich diese Woche weiter zugespitzt. Premierminister Mark Carney hat die Handelsverhandlungen mit Washington ausgesetzt und ein Paket von Vergeltungsmaßnahmen vorgestellt, das am 8. September in Kraft tritt.
Auslöser war ein 50-prozentiger US-Zoll auf kanadische Exporte im Wert von rund 28 Milliarden US-Dollar, der etwa am 21. August in Kraft trat. Carney bezeichnete die kurzfristig vorgebrachten Forderungen der US-Unterhändler als unfair; statt die Gespräche fortzusetzen, verließ Kanada den Verhandlungstisch.
Die Gespräche hatten darauf abgezielt, die unter dem Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada (USMCA) stehenden Beziehungen neu auszurichten – jenen Pakt, der 2020 die NAFTA ersetzte und für 2026 einer gemeinsamen Überprüfung unterzogen werden soll. Das Scheitern folgt auf ein Jahr gestaffelter US-Zollmaßnahmen, darunter breite 25-prozentige Abgaben auf kanadische Importe im März – später für USMCA-konforme Waren ausgenommen – sowie Stahl- und Aluminiumzölle, die im Juni auf 50 Prozent verdoppelt wurden.
Was Kanada tut
Das Paket vom 8. September ist eine Reaktion auf zwei Ebenen. Auf der Offensive plant Kanada, gleichwertige Zölle auf US-Waren zu erheben, die die Auswirkungen Dollar für Dollar spiegeln. Auf der Defensivseite bringt Ottawa gezielte Unterstützung für Branchen auf den Weg, die zwischen die Fronten geraten sind.
Diese Unterstützung umfasst einen Fonds über 5 Milliarden US-Dollar für Unternehmen, die direkt von den Zöllen betroffen sind. Branchen wie Milchwirtschaft, Alkohol und Automobil dürften angesichts ihrer starken Abhängigkeit vom grenzüberschreitenden Handel die Hauptnutznießer sein.
Atlantik-Kanada soll 80 Millionen US-Dollar an zweckgebundener regionaler Förderung erhalten.
Kanada hatte einen Teil seiner bestehenden 25-prozentigen Vergeltungszölle auf US-Waren mit Wirkung zum 1. September zurückgenommen, ein Schritt, der damals versöhnlich wirkte. Eine Woche später treten die neuen Maßnahmen in Kraft.
Wie die Verhandlungen scheiterten
Carney machte Washingtons Verhandlungshaltung eindeutig für das Scheitern verantwortlich. Nach Angaben des Premierministers brachten die USA in letzter Minute Forderungen ein, die grundlegend unannehmbar waren. Statt zu kapitulieren, entschied sich Kanada für die Konfrontation.
Für Carney, der im März 2025 sein Amt antrat, nachdem er sowohl die Bank of Canada als auch die Bank of England als Gouverneur geleitet hatte, war die Neuverhandlung der Handelsbeziehungen mit Washington ein prägendes Anliegen seiner Amtszeit.
Die Handelsbeziehungen zwischen den USA und Kanada sind seit Jahren von immer wieder aufflammenden Konflikten geprägt, wobei Zölle auf Stahl und Aluminium als wiederkehrende Reibungspunkte dienen. Die Milchwirtschaft ist ein weiterer dauerhafter Streitpunkt: Washington kritisiert seit Langem Kanadas System der Angebotssteuerung mit Produktionsquoten und hohen Zollschranken.
Marktauswirkungen und worauf zu achten ist
Die unmittelbare Sorge gilt der Volatilität in Branchen mit starker grenzüberschreitender Exposition. Kanadische Milcherzeuger, Automobilhersteller und Alkoholexporteure stehen durch die US-Zölle unter direktem Margendruck. Ihre amerikanischen Pendants, die nach Kanada verkaufen, werden dieselbe Belastung spüren, sobald die Vergeltungsabgaben am 8. September greifen. Die Exposition ist auf kanadischer Seite überproportional groß: Die Vereinigten Staaten nehmen etwa drei Viertel der kanadischen Warenexporte ab, und der bilaterale Warenaustausch überstieg im vergangenen Jahr 700 Milliarden US-Dollar.
Automobile Lieferketten sind besonders verwundbar. Bauteile überqueren während der Montage mehrfach die Grenze zwischen den USA und Kanada, und jede Grenzüberschreitung kann nun potenziell Zollkosten auslösen.
Die nächsten Wegmarken sind die detaillierten Zolllisten, die den Umfang der Gegenmaßnahmen vom 8. September bestimmen, sowie die Frage, ob eine der beiden Seiten vor der für 2026 angesetzten USMCA-Überprüfung an den Verhandlungstisch zurückkehrt – eine feste Frist, die nun den Rahmen für jede Wiederaufnahme der Gespräche bildet.