NachrichtenMakroDie nächste Revolution in der Hautpflege könnte mit Ihrem Immunsystem beginnen

Die nächste Revolution in der Hautpflege könnte mit Ihrem Immunsystem beginnen

Autor: Bworldonline·

Wichtige Erkenntnisse

  • •Wissenschaftler betrachten die Haut inzwischen als aktives Immunorgan, das Bedrohungen erkennt, Signalproteine freisetzt und die Gewebereparatur koordiniert, statt nur als passive Schutzbarriere zu dienen.
  • •Häufige Hauterkrankungen wie Akne, Rosazea, atopische Dermatitis und Psoriasis zeigen, wie Immunreaktionen mit Hautbarriere, Nerven, Blutgefäßen und ansässigen Mikroben auf komplexe Weise interagieren und nicht allein an der Oberfläche verstanden werden können.
  • •Die Forschung zum Hautmikrobiom wächst schnell, doch Wissenschaftler haben noch keine eindeutige Definition eines gesunden mikrobiellen Ökosystems festgelegt und auch nicht, ob dauerhafte Veränderungen daran grundsätzlich vorteilhaft sind.
  • •Veröffentlichte Übersichtsarbeiten zu Probiotika und Postbiotika in der Hautpflege kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass größere und methodisch strengere klinische Studien nötig sind, bevor ein relevanter dermatologischer Nutzen bestätigt werden kann.
  • •Aufsichtsbehörden wie die britische MHRA und die US-amerikanische FDA könnten Produkte, die Krankheiten behandeln oder die Immunfunktion über immunologische Mechanismen verändern sollen, eher als Arzneimittel denn als Kosmetika einstufen und damit strengeren Nachweisanforderungen unterwerfen.
Die nächste Revolution in der Hautpflege könnte mit Ihrem Immunsystem beginnen

Von Yustina Yustina

Feuchtigkeitscremes, Sonnenschutzmittel und Anti-Aging-Cremes werden seit langem mit vertrauten Versprechen vermarktet: Feuchtigkeit in der Haut zu halten, ihre Schutzbarriere zu stärken, vor UV-Schäden zu schützen und sichtbare Zeichen der Hautalterung zu verringern. Diese Kernfunktionen bleiben wesentlich für die Aufrechterhaltung der Hautgesundheit.

Zunehmend nehmen Forschende jedoch eine breitere Perspektive ein. Die Haut ist nicht nur eine passive Barriere — sie fungiert als aktives Immunorgan, dessen Zellen potenzielle Bedrohungen erkennen, Signale weitergeben und die Gewebereparatur koordinieren. Außerdem beherbergt sie unterschiedliche mikrobielle Gemeinschaften, die mit der Hautbarriere und dem Immunsystem interagieren.

Dieses sich wandelnde Verständnis könnte verändern, wie Hautpflegeprodukte formuliert werden, wie Unternehmen sie bewerten und welche Angaben Aufsichtsbehörden letztlich zulassen. Für einen globalen Hautpflegemarkt, dessen Wert weit über 100 Milliarden Dollar liegt, sind die kommerziellen Folgen selbst schrittweiser Formulierungsfortschritte beträchtlich.

Die Haut als Immunorgan

Hautzellen können Krankheitserreger, Schadstoffe und Verletzungssignale erkennen. Als Reaktion darauf setzen sie Signalproteine frei, die helfen, Entzündungen und Heilung zu koordinieren. Ein breiteres Netzwerk von Immunzellen identifiziert potenziell schädliche Substanzen, entfernt geschädigte Zellen und trägt dazu bei, dass Immunreaktionen nicht länger als nötig anhalten.

Entzündungen spielen eine entscheidende Rolle, wenn die Haut verletzt oder infiziert ist. Doch Immunreaktionen, die übermäßig oder schlecht reguliert sind, können Irritationen und Krankheiten fördern.

Forschung zu Akne legt beispielsweise nahe, dass Entzündungen beginnen können, bevor Hautunreinheiten sichtbar werden. Zwar bleiben eine übermäßige Talgproduktion, verstopfte Haarfollikel und Cutibacterium acnes-Bakterien zentrale Faktoren, doch Immunreaktionen prägen ebenfalls maßgeblich die Entwicklung von Akne. Akne gehört weltweit zu den häufigsten Hauterkrankungen und betrifft schätzungsweise 9,4% der Weltbevölkerung über alle Altersgruppen hinweg.

Rosazea ist mit Entzündungen sowie Veränderungen der Nerven und Blutgefäße der Haut verbunden. Atopische Dermatitis — häufig als atopisches Ekzem bezeichnet — entsteht aus einer Kombination aus geschwächter Hautbarriere und fehlregulierten Immunreaktionen und betrifft schätzungsweise 15–20% der Kinder weltweit. Psoriasis wird als immunvermittelte entzündliche Erkrankung eingestuft, und Kontaktdermatitis entsteht durch den Kontakt mit einem Reizstoff oder Allergen.

Obwohl diese Erkrankungen unterschiedliche Ursachen haben, zeigen sie gemeinsam, warum Hautprobleme nicht immer nur durch Betrachtung der Oberfläche verstanden werden können. Immunsignale interagieren auf komplexe Weise mit der Hautbarriere, Nerven, Blutgefäßen und ansässigen Mikroben.

Entzündung und Alterung

Entzündungen können auch beeinflussen, wie die Haut altert. Wissenschaftler verwenden den Begriff „Inflammaging“, um die mit dem Altern verbundene chronische, niedriggradige Entzündung zu beschreiben. Forschung deutet darauf hin, dass dieser Prozess die Reparatur beeinträchtigen und zu Veränderungen von Kollagen und anderen strukturellen Bestandteilen beitragen kann, die die Haut stützen.

Forschende untersuchen daher, ob Hautpflegeprodukte schädliche Entzündungen verringern und zugleich vor sonnenbedingter Hautalterung schützen könnten. Allerdings gibt es nur begrenzte Belege dafür, dass Kosmetikprodukte Inflammaging beim Menschen spürbar verlangsamen können.

Das Hautmikrobiom

Das Hautmikrobiom ist ein weiteres schnell wachsendes Forschungsfeld. Es umfasst Bakterien, Pilze und andere mikroskopische Organismen, die auf der Haut leben. Diese Gemeinschaften unterscheiden sich von Mensch zu Mensch und zwischen verschiedenen Körperregionen.

Mikroben können mit Immunzellen interagieren und zur Abwehr von Krankheitserregern beitragen. Sie können auch Entzündungen und die Funktion der Hautbarriere beeinflussen. Forschende haben bisher keine einheitliche Definition dafür festgelegt, was ein gesundes Hautmikrobiom ausmacht, und auch nicht bestimmt, ob dauerhafte Veränderungen daran immer vorteilhaft sind.

Diese Unsicherheit hat das Interesse der Kosmetikindustrie nicht gebremst. Angaben über das „Ausbalancieren“, „Unterstützen“ oder „Schützen“ des Hautmikrobioms finden sich inzwischen in auf das Mikrobiom ausgerichteter Hautpflege.

Einige Produkte enthalten Probiotika, Präbiotika oder Postbiotika. Probiotika nutzen lebende Mikroorganismen. Präbiotika sind Substanzen, die bestimmte Mikroorganismen unterstützen sollen. Postbiotika enthalten inaktivierte Mikroorganismen oder deren Bestandteile.

Die Forschung zu ihrem Einsatz in der Hautpflege hat einige vielversprechende Ergebnisse hervorgebracht, doch die untersuchten Produkte, Organismen und Methoden unterscheiden sich stark. Übersichtsarbeiten zu Probiotika und Postbiotika in der Hautpflege kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass größere und besser konzipierte klinische Studien weiterhin erforderlich sind.

Produktprüfung neu denken

Neue Forschung könnte auch verändern, wie Produkte getestet werden. Kosmetische Studien verwenden bereits Messgrößen wie Hautfeuchtigkeit, Wasserverlust über die Haut und sichtbare Falten. Künftige Studien könnten biologische Marker einbeziehen, darunter Zytokine — Proteine, die Zellen zur Übermittlung von Immunsignalen verwenden.

Forschende können bereits einige entzündliche Zytokine in Hautproben messen. Eine messbare Veränderung im Labor bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass ein Produkt einen spürbaren oder nützlichen Nutzen bringt. Studien müssten diesen Zusammenhang belegen.

Nanotechnologie könnte neue Wege zur Abgabe kosmetischer Inhaltsstoffe bieten. Nanopartikel sind extrem kleine Partikel, deren Größe, Form und Oberfläche beeinflussen können, wie sie mit Zellen interagieren. Forschende untersuchen, ob sie Inhaltsstoffe transportieren und zugleich Immunreaktionen beeinflussen könnten.

Diese Arbeit befindet sich weiterhin im experimentellen Stadium. Ob Nanopartikelsysteme Entzündungen zuverlässig kontrollieren oder die Hautreparatur beim Menschen verbessern können, muss erst noch gezeigt werden.

Regulatorische Grenzen

Angaben zur Immunfunktion können auch die rechtliche Abgrenzung zwischen Kosmetika und Arzneimitteln auf die Probe stellen. Die britische Medicines and Healthcare products Regulatory Agency berücksichtigt bei der Entscheidung, ob ein Produkt als Arzneimittel reguliert werden sollte, seine Angaben, den vorgesehenen Verwendungszweck und die biologische Wirkung. In den Vereinigten Staaten wendet die Food and Drug Administration einen ähnlichen Rahmen an: Produkte, die reinigen oder verschönern sollen, gelten als Kosmetika, während Produkte, die Krankheiten behandeln oder verhindern sollen — oder die Struktur oder Funktion des Körpers beeinflussen — unter die Kategorie Arzneimittel fallen und entsprechend höhere Anforderungen an den Nachweis erfüllen müssen.

Eine Creme, die dazu vermarktet wird, die Haut zu reinigen, zu schützen oder ihr Erscheinungsbild zu verbessern, kann als Kosmetikum eingestuft werden. Ein Produkt, das als Behandlung einer Krankheit oder als Veränderung der Immunfunktion durch einen immunologischen Mechanismus dargestellt wird, kann jedoch unter die Definition eines Arzneimittels fallen — mit strengeren Anforderungen an Evidenz und Regulierung.

Die Hautimmunität könnte zu einer wichtigen Front der Kosmetikforschung werden. Die Forschung weist auf glaubwürdige neue Ansätze zum Verständnis von Hautgesundheit hin, doch kommerzielle Angaben dürften der klinischen Evidenz voraus sein.

Verbraucher und Aufsichtsbehörden werden unterscheiden müssen zwischen Produkten, für die nachgewiesen wurde, dass sie einen tatsächlichen Nutzen bringen, und solchen, die lediglich die Sprache eines aufkommenden wissenschaftlichen Feldes übernehmen. — The Conversation via Reuters Connect

Yustina Yustina ist Doktorandin in Cancer and Pharmaceutical Sciences am King’s College London. Sie ist mit der Indonesian Food and Drug Authority verbunden.