SIX und TWINT stoßen zum CHF-Stablecoin-Sandbox hinzu und erweitern die Initiative auf neun Partner
Wichtige Erkenntnisse
- •SIX und TWINT sind dem CHF-Stablecoin-Sandbox beigetreten und erweitern die Gruppe, die den Schweizer Franken-Stablecoin CHFD testet, von sieben auf neun Partner.
- •Die Testphase läuft bis Ende 2026 und lässt bewusst offen, ob eine Markteinführung folgen wird.
- •Zu den Sandbox-Tests gehören programmierbare Zahlungen zur Betrugsreduktion auf Online-Marktplätzen, fairer Zugang zu Event-Tickets und effizientere Auszahlungen des öffentlichen Sektors.
- •Die in der Schweiz geplante Lizenzkategorie "Zahlungsinstitut" im Rahmen einer Finanzinstitutsgesetz-Reform wird voraussichtlich nicht vor 2027 in Kraft treten.
- •Franken-Stablecoins bleiben eine Nische mit rund 40 Millionen USD verglichen mit einem globalen Stablecoin-Markt von rund 300 Milliarden USD, der von Dollar-Produkten dominiert wird.

Der Schweizer Börsenbetreiber SIX und die Bezahl-App TWINT sind dem CHF-Stablecoin-Sandbox beigetreten. Neun Schweizer Unternehmen untersuchen nun in einer geschützten Live-Umgebung, wie der digitale Franken CHFD in konkreten Anwendungsfällen eingesetzt werden kann.
Ein Stablecoin ist ein digitales Vermögenswert, der typischerweise 1:1 an eine Währung gekoppelt ist – bei CHFD ist das der Schweizer Franken. Der Sandbox selbst ist eine kontrollierte Live-Umgebung mit begrenztem Teilnehmerkreis und Betragslimits, in der die beteiligten Institutionen neue digitale Finanzprodukte unter realistischen Bedingungen erproben können, ohne die Risiken einer offenen Markteinführung einzugehen. UBS, PostFinance, Sygnum, Raiffeisen, Zürcher Kantonalbank, BCV und Swiss Stablecoin AG haben die Initiative im April 2026 gestartet, wie CVJ.CH berichtete. Die ehemalige SP-Ständerätin Pascale Bruderer gründete Swiss Stablecoin AG im Jahr 2022 (Interview mit CVJ.CH hier), und ihre Tochtergesellschaft CHFD Infrastruktur AG betreibt die Plattform. CHFD ist seit Ende Juni technisch live, und mit den beiden Neuzugängen wächst die Gruppe von sieben auf neun Partner – die Initiative verlässt damit ihre Vorbereitungsphase.
SIX und TWINT stärken den CHF-Stablecoin-Sandbox
Die beiden Neuzugänge bringen Fähigkeiten mit, die den Gründungspartnern bislang fehlten. SIX betreibt die Schweizer Börse, wickelt Wertpapiertransaktionen ab, verarbeitet Finanzinformationen und stellt einen wesentlichen Teil der Zahlungsinfrastruktur des Landes bereit. Damit sitzt eine Institution am Tisch, deren Systeme eines Tages die Abwicklung eines Frank-Stablecoins im Institutional-Geschäft tragen müssten. An dieser Infrastruktur führt kein Weg vorbei, wo immer tokenisierte Vermögenswerte und ein digitales Zahlungsmittel aufeinandertreffen. SIX ist auch kein Neuling in der Abwicklung digitaler Vermögenswerte auf der eigenen Infrastruktur: Seit Dezember 2023 führt die Schweizerische Nationalbank einen Pilotversuch mit Wholesale-CBDC auf der SIX Digital Exchange durch, bei dem Banken tokenisierte Wertpapiere mit von der SNB ausgegebener Wholesale-CBDC in Live-Transaktionen abwickeln. Die Sandbox-Tests betreffen dagegen einen privat ausgegebenen Franken-Stablecoin, sodass die beiden Projekte auf parallelen Gleisen laufen, die eines Tages auf derselben Abwicklungsinfrastruktur zusammenlaufen könnten. TWINT deckt die andere Seite ab, nämlich die Zahlungen zwischen Endkunden und Händlern.
Die Zahlen hinter der App zeigen, wie dominant diese Position ist: Mehr als 6 Millionen Menschen nutzten TWINT Mitte 2025 aktiv, während der Anbieter 2024 773 Millionen Transaktionen abwickelte. In der Erhebung 2024 des Swiss Payment Monitor der Universität St. Gallen erreichte die App einen Marktanteil von 67,8 % – weit vor Apple Pay mit 12,5 %, Google Pay mit 3,3 % und Samsung Pay mit 2,7 %. Rund 81 % der stationären Geschäfte und 84 % der Online-Shops des Landes akzeptieren sie. Eine Zahlungslösung, die an dieser Reichweite vorbeikommt, hat es in der Schweiz daher schwer. Für jeden digitalen Franken, der auf Alltagszahlungen abzielt, ist die Integration mit oder das Nebeneinander mit TWINT daher weniger eine Option als eine strukturelle Bedingung.
Bis zum Beitritt der beiden Unternehmen war die Initiative im Wesentlichen eine Übung unter Banken. Der Betreiber der Marktinfrastruktur und der De-facto-Standard im Schweizer Alltagszahlungsvverkehr testen nun gemeinsam mit den Banken – zwei Akteure, deren Systeme bei einer Einführung ohnehin die Engpässe wären. Damit verschiebt sich der Charakter des Projekts von einer Machbarkeitsstudie unter Institutionen hin zu einem Test, der das gesamte Zahlungssystem berührt. Beide Unternehmen bringen zudem Fachwissen in Finanzmarktinfrastruktur und digitalen Zahlungslösungen ein.
Programmierbare Zahlungen als neues Testfeld
Die Anwendungsfälle lassen sich in zwei Gruppen einteilen, wobei die erste international bereits etablierte Muster abdeckt: automatisierte Transaktionen zwischen Finanzinstituten und die Abwicklung tokenisierter digitaler Vermögenswerte. Beide zielen auf das Interbankengeschäft und auf die Frage, ob ein Franken-Stablecoin dort schneller und günstiger abwickelt als bestehende Verfahren. Neues ist daran wenig, doch dieser Teil liefert eine solide Vergleichsbasis gegenüber dem, was heute bereits am Markt läuft.
Die zweite Gruppe ist interessanter, weil die Partner dort tatsächlich Neuland betreten. Die Tests untersuchen, ob Programmierbarkeit das Betrugsrisiko auf Online-Marktplätzen senken kann, ob fairer Zugang zu Event-Tickets durchsetzbar wird und ob Auszahlungen des öffentlichen Sektors effizienter ablaufen können. Diesen drei Fällen gemeinsam ist, dass sie Bedingungen direkt im Zahlungsmittel verankern, statt sie über Verträge und Zwischenhändler abzusichern. Ein Betrag wird erst verfügbar, wenn eine definierte Bedingung eingetreten ist. Damit bewegt sich der Test in ein Feld, das mit dem klassischen Bankgeschäft nur wenig Überschneidung hat.
Die CHFD Infrastruktur AG betreibt die CHF-Stablecoin-Plattform, auf der die Fälle laufen. Die Partner selbst sprechen von Grundlagenarbeit für künftige Entwicklungen im digitalen Zahlungsverkehr, und diese Formulierung ist präzise: Es geht nicht um marktreife Produkte, sondern um die Frage, welche Anwendungsbereiche überhaupt standhalten. Die Auswahl ist dennoch bemerkenswert. Ticketverkäufe und staatliche Auszahlungen sind Bereiche, in denen der Franken-Stablecoin nicht gegen bestehende Krypto-Produkte konkurriert, sondern gegen Verfahren, die heute weder digital noch effizient organisiert sind.
Eine offene Testphase bis Ende 2026
Die Testphase wird voraussichtlich bis Ende 2026 laufen, und die Partner lassen ihr Ergebnis bewusst offen. Im Vordergrund steht der Erkenntnisgewinn: Wo ein CHF-Stablecoin Mehrwert schaffen könnte, welche Herausforderungen bestehen und welche technischen, operativen und regulatorischen Bedingungen eine Weiterentwicklung erfordern würde. Eine Übersicht über die Ergebnisse soll nach Abschluss der Initiative folgen. Das Setup stellt ausdrücklich keine Entscheidung über eine spätere Markteinführung dar.
Diese Zurückhaltung hat einen regulatorischen Hintergrund. Der Bundesrat und die FINMA treiben eine Reform des Finanzinstitutsgesetzes voran, deren Vernehmlassung von Oktober 2025 bis Februar 2026 lief. Der Entwurf sieht eine neue Lizenzkategorie namens Zahlungsinstitut vor, die die Ausgabe wertstabiler, kryptobasierter Zahlungsmittel ausdrücklich erlaubt und die bisherige Obergrenze von 100 Millionen CHF für Kundeneinlagen unter der Fintech-Bewilligung aufhebt. Ein Inkrafttreten ist vor 2027 unwahrscheinlich. Bis dahin gelten Rückgabeansprüche von Stablecoin-Inhabern als Einlagen gemäß dem anwendbaren Bankengesetz, was den Handlungsspielraum für Emittenten eng hält. Die Reform baut auf Grundlagen auf, die die Schweiz für die tokenisierte Wirtschaft bereits geschaffen hat: Das seit Februar 2021 in Kraft befindliche Distributed-Ledger-Technology-Gesetz verlieh tokenisierten Wertpapieren rechtliche Anerkennung und löste eine Welle von Emissionen digitaler Anleihen an Schweizer Handelsplätzen aus, was wiederum die Nachfrage nach einem digitalen Franken als Abwicklungsmittel schuf, die der Sandbox nun testet.
Wer heute in der Schweiz einen Stablecoin ausgeben will, bewegt sich in einem Rahmen, der gerade neu aufgebaut wird. Die Sandbox-Sicherheiten – der begrenzte Teilnehmerkreis und die Betragslimits – sind genau darauf die Antwort. Sie halten den Test in engen Grenzen, während sich die künftige Lizenzkategorie noch formiert. Und das Timing passt: Die Ergebnisse der Testphase liegen vor, bevor das neue Rechtsframework greift – jenes Framework, das Stablecoin-Emittenten erstmals eine eigene Kategorie geben soll.
Der digitale Franken bleibt ein Nischenmarkt
Gemessen an dem, was global geschieht, spielt sich all das in einem sehr kleinen Winkel ab. Der weltweite Stablecoin-Markt beträgt derzeit rund 300 Milliarden USD und wird von Dollar-Produkten dominiert, während alle Franken-Stablecoins zusammen auf etwa 40 Millionen USD kommen, wovon der dezentral besicherte Frankencoin den größten Teil ausmacht. Diese Größenordnung erklärt, warum der Finanzplatz das Thema kooperativ angeht. Der Markt ist schlicht zu klein für einen Alleingang. Es spiegelt auch die besondere Rolle des Frankens selbst wider: Als Reservewährung zweiten Ranges zieht der Schweizer Franken weder die Offshore-Zahlungsströme noch die Nachfrage Schwellenländern nach Dollar-Absicherungen an, welche die größten Stablecoin-Emissionen antreiben.
Konkurrenz gibt es dennoch, und ein Teil davon sitzt selbst am Sandbox-Tisch. Sygnum betreibt einen eigenen Franken-Stablecoin, den Digital CHF, der 1:1 durch Guthaben bei der Schweizerischen Nationalbank gedeckt ist, und nimmt gleichzeitig als Sandbox-Partner teil. Kooperation in der Testumgebung und Wettbewerb am Markt schließen sich hier offensichtlich nicht aus. Dass ein bestehender Emittent an einem gemeinsamen Test teilnimmt, deutet eher darauf hin, dass die offenen Fragen tatsächlich vor dem Produkt liegen.
Neun der wichtigsten Akteure des Finanzplatzes klären gemeinsam Grundlagenfragen, die für jeden einzelnen teuer wären allein zu beantworten – und das, ohne sich auf ein gemeinsames Produkt festzulegen. Darin liegt die institutionelle Anziehungskraft des Arrangements. Das erklärte Ziel der Beteiligten ist es, den Aufbau eines Schweizer Ökosystems für digitales Geld zu unterstützen und die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes zu stärken. Ob daraus ein digitaler Franken für den Markt entsteht, wird nicht im Sandbox entschieden – die Bedingungen dafür werden dort aber geklärt.