NachrichtenMakroEli Roths „Ice Cream Man“ liefert klugen Horror mit grotesken Bildern und einem sympathischen Dämon

Eli Roths „Ice Cream Man“ liefert klugen Horror mit grotesken Bildern und einem sympathischen Dämon

Autor: Alternet·

Wichtige Erkenntnisse

  • •Ari Millen spielt den schweigsamen, dämonischen Ice Cream Man und orientiert sich dabei an ikonischen Figuren wie Conrad Veidts Gwynplaine und David Howard Thorntons Art the Clown.
  • •Der Film wurde in einem straffen 19-Tage-Dreh mit überwiegend kanadischer Besetzung und Crew produziert und folgt damit dem Muster des Independent-Horrors, mit kleinem Budget kommerzielle Erträge zu erzielen.
  • •Eli Roths Werk zeigt ein durchgängiges Muster sozial bewussten Horrors; „Ice Cream Man“ behandelt die Unschuld der Kindheit und wie leicht Kinder von Erwachsenen manipuliert werden können.
  • •Die Produktion nutzte generative KI für Spezialeffekte, ein Aspekt, der manche Zuschauer angesichts seiner Rolle in den Hollywood-Arbeitskämpfen von 2023 stören könnte.
  • •Millen lobte seine jungen Co-Stars Charlie Seltzer, Shiloh O'Reilly und Kiori Mirza Waldman als außergewöhnlich talentierte und engagierte Schauspieler, deren Spielfreude seine Arbeit erleichterte.
Eli Roths „Ice Cream Man“ liefert klugen Horror mit grotesken Bildern und einem sympathischen Dämon

Eli Roths „Ice Cream Man“ ist ein Horrorfilm, der auf mehreren Ebenen funktioniert: Er ist klug, energiegeladen und bietet einige der einprägsamsten grotesken Bilder, die das Genre in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. Unter der Regie von Roth und nach einem Drehbuch von Roth gemeinsam mit Noah Belson folgt der Film einem schweigsamen, dämonischen Anbieter süßer Leckereien, dessen farbenfrohe Konfekte Kinder in blutrünstige, übermenschliche Killer verwandeln.

Vor der idyllischen Vorstadtkulisse von Bayleen Bay angesiedelt, bewegt sich der Film in zügigem Tempo und ist mit weniger als anderthalb Stunden Laufzeit recht knapp gehalten. Die Protagonisten Jared (Charlie Seltzer), Tommy (Shiloh O'Reilly) und Mia (Kiori Mirza Waldman) versuchen, den titelgebenden Bösewicht und seine wachsende Armee mörderischer kindlicher Psychopathen aufzuhalten. Die jungen Opfer des Ice Cream Man — mit Eiscreme um den Mund, ausgestattet mit extremer Stärke und nahezu unverwüstlicher Widerstandskraft — erinnern an eine Mischung aus den jugendlichen Antagonisten aus „Children of the Corn“ und den zombifizierten Kindern aus „Weapons“.

Der namenlose Ice Cream Man selbst wird von Ari Millen gespielt, der durch seine Arbeit in „Orphan Black“ bekannt ist. Obwohl die Figur nie spricht, greift Millens Darstellung auf Elemente ikonischer Filmgestalten zurück: Conrad Veidts Gwynplaine in „The Man Who Laughs“, David Howard Thorntons Art the Clown aus dem „Terrifier“-Franchise und ein Hauch des Rattenfängers von Hameln. Anders als der böse Eismann, den Clint Howard in dem gleichnamigen Film von 1995 verkörperte — mit dem dieser Film keine direkte Verbindung hat — ist Millens Ice Cream Man ausdrücklich dämonisch. Diese Eigenschaft wird durch die Mimik und Gestik des Schauspielers schon lange vermittelt, bevor der Plot sie textlich klar benennt. Die Figur gehört zu den vielschichtigeren Gothic-Schurken des modernen Horrors: Sie verbindet sadistisches Vergnügen am Anstiften brutaler Gewalt mit einer tragischen Vorgeschichte, die realistisch darauf verweist, wie korrupte Institutionen die Verletzlichsten ausnutzen und fallenlassen.

Im Kopf des Ice Cream Man

In einem Gespräch mit Millen nach einer Vorführung gab der Schauspieler Einblick in die Triebkräfte der Figur. „When I read him, this is a man who was done wrong and his modus operandi has always been to bring joy to children“, erklärte Millen. „And through what happened to him, the corruption of the minds of kids, he never wants that to happen again. We can argue whether how he goes about it is the right way to do it. But absolutely, his heart is very much in the place where he is here to maintain the innocence of kids and to not let adults or society sort of corrupt their innocence.“

Die Produktion selbst war von einer deutlich spürbaren Begeisterung aller Beteiligten geprägt. Gedreht wurde in nur 19 Tagen mit einer Besetzung und Crew, die stark aus Kanada stammten — einem Land, das, wie Millen betonte, mehr Anerkennung für seinen enormen Pool an Schauspielern und Filmschaffenden verdient. Diese kreative Energie ist in jedem Bild zu sehen. Der knappe Produktionsplan spiegelt zudem ein breiteres Muster des Independent-Horrors wider, in dem das Genre seit Langem bei moderaten Budgets solide Erträge liefert und damit zu den wenigen verlässlich kommerziellen Bereichen für Studios und Streaming-Plattformen in einem ansonsten angespannten Kinoumfeld gehört.

Es sollte jedoch betont werden, dass „Ice Cream Man“ kein Film für alle ist. Der Film zeigt explizite Darstellungen von Enthauptungen, Verstümmelungen, freiliegenden Eingeweiden und reichlich Blutvergießen. Zuschauer, die auf solche Inhalte empfindlich reagieren, sollten ihn meiden. Für diejenigen mit Appetit auf intensiven Horror teilt der Film jedoch eine prägende Eigenschaft mit Roths stärksten Arbeiten: Unter der Exploitation-Ästhetik steckt echte intellektuelle Substanz.

„Ice Cream Man“ im Kontext

Im Rahmen von Roths Gesamtwerk setzt „Ice Cream Man“ ein Muster sozial bewussten Horrors fort. „Cabin Fever“ untersuchte, wie zivilisiertes Verhalten in einer Krise zerfällt, mit einer Seuchen-Geschichte, die nach der COVID-19-Pandemie neue Relevanz gewann. „Hostel“ kritisierte die Ignoranz der Amerikaner und ihr falsches Gefühl der Überlegenheit gegenüber der weiteren Welt. „Hostel: Part II“ setzte sich auf eine Weise mit Misogynie auseinander, die der Me-Too-Bewegung vorausging. „The Green Inferno“ hob die Naivität politischer Aktivisten hervor, die sich an Internettrends statt an fundierter Recherche orientieren. „Thanksgiving“ karikierte den amerikanischen Konsum und die Weise, wie mächtige Unternehmensführer sich der Verantwortung entziehen. Selbst Roths nicht-horrormäßige Projekte, etwa sein „Death Wish“-Remake (für Salon besprochen), griffen Themen wie die waffenfixierte Kultur und Selbstjustiz auf.

Bei „Ice Cream Man“ ergibt sich die thematische Intelligenz aus dem Verständnis von Unschuld und Grausamkeit, die die Kindheit prägen, sowie daraus, wie leicht Kinder von Erwachsenen ausgenutzt werden können. Die jungen Darsteller sind zentral für diesen Erfolg. Millen lobte seine Co-Stars: Kindern werde oft ein „bad rap“ verpasst als seien sie „difficult to work with, but Charlie and Kiori and Shiloh are some of the most talented and dedicated actors, kids or adults, that I've ever worked with. They just have the benefit of still having a child's imagination.“ Sie seien „as soon as Eli called action“ in dieser Welt gewesen. „They were in that world. And that made my job that much easier because they just drew me in.“

Auch Millens eigene Leistung verdient großen Anteil am Gelingen. Schweigsame Kinobösewichte sind keineswegs neu — populär wurde der Archetyp vor allem durch Michael Myers in „Halloween“ und Jason Voorhees in „Friday the 13th: Part 2“ — doch tragen diese Figuren meist eine Maske und wirken buchstäblich unmenschlich. Der Ice Cream Man hingegen hat ein ständig sichtbares Gesicht und ist unter anderem deshalb so furchteinflößend, weil er menschlich ist. Wie die besten Pantomimen — ein Vergleich, den ich als aufrichtiges Lob und nicht als versteckte Spitze meine — vermittelt er eine breite Palette an Emotionen: Grausamkeit, den Wunsch gemocht zu werden, sogar eine verdrehte Form von Güte, ohne ein einziges Wort zu sagen. Wie Robert Englunds Freddy Krueger in „A Nightmare on Elm Street“ ist es nach Millens Darstellung schwer vorstellbar, dass jemand anderes diese Rolle übernimmt. Als Stärke des Films ist er kaum ersetzbar.

Erneut muss betont werden, dass „Ice Cream Man“ nicht für alle geeignet ist. Wie akutaq oder schwarzes Lakritz-Eis ist dies ein Genrefilm für ein sehr spezifisches cineastisches Empfinden. Wer den Einsatz von Generative AI zur Erstellung von Spezialeffekten ablehnt, könnte diesen Aspekt des Films aus Prinzip kritisieren. (Persönlich fielen mir keine Momente auf, die nach KI wirkten; Animation und Spezialeffekte schienen realistisch.) Doch wer zu Roths besten Arbeiten wie „Cabin Fever“, „The Green Inferno“ und „Thanksgiving“ greift, wird von „Ice Cream Man“ nicht enttäuscht. Und wer Lust auf einen schnellen, gruseligen Film hat, in dem Figuren und Bilder hängen bleiben, bekommt mit „Ice Cream Man“ zwei Kugeln hinterhältiger Köstlichkeit, die leicht hinuntergehen.