Death Note: The Musical – Rezension: Ein glanzpolierter, schulischer Blick auf das Trolley-Problem
Wichtige Erkenntnisse
- •Death Note: The Musical feiert nach zehn Jahren des Kultstatus in Japan und Korea seine englischsprachige Weltpremiere im Barbican Theatre in London.
- •Der Originalmanga hat sich seit seiner Serialisierung von 2003 bis 2006 weltweit über 30 Millionen Mal verkauft und ist eines der bekanntesten Werke der modernen japanischen Popkultur.
- •Die Produktion bietet einen Soundtrack des erfahrenen Broadway-Komponisten Frank Wildhorn und ein Bühnenbild von Jon Bausor, mit visuellen Elementen, die gewaltige Projektionen einer Tokioter Metropole und neongetränkte Beleuchtung einbeziehen.
- •Eine Umfrage aus dem Jahr 2025 ergab, dass 83,1 Prozent der japanischen Bevölkerung die Todesstrafe befürworten, was den kulturellen Kontext für die Themen des Stücks rund um Todesstrafe und Gerechtigkeit liefert.
- •Das Musical wird für 50 Vorstellungen im Barbican Theatre gezeigt und endet am 12. September.

Death Note: The Musical | Barbican Theatre | ★★★☆☆
Nach zehn Jahren des Kultstatus in Japan und Korea ist Death Note: The Musical – eine Pop-Rock-Adaptation des frühen-2000er Manga von Tsugumi Ohba und Takeshi Obata – in London zu seiner englischsprachigen Weltpremiere gekommen. Die Originalserie, die von 2003 bis 2006 im Weekly Shōnen Jump erschien, verkaufte sich weltweit über 30 Millionen Mal und brachte Anime, Realverfilmungen, Romane und Videospiele hervor, was sie zu einem der bekanntesten Werke der modernen japanischen Popkultur macht. Die Produktion, derzeit für eine 50 Vorstellungen umfassende Spielzeit im Barbican Theatre zu sehen, hat bereits Scharen kostümierter Fans angezogen – ein Beweis für den anhaltenden Kultstatus der Serie.
Die Prämisse ist elegant einfach: Der Tokioter Oberschüler Light Yagami entdeckt ein Notizbuch, das es ihm ermöglicht, jeden zu töten, dessen Namen er hineinschreibt. Er kann nach Belieben die Todesursache festlegen; andernfalls erleidet das Opfer nach 40 Sekunden einen Herzinfarkt. Dies bildet den Rahmen für eine Reihe von Trolley-Problemen, wobei die musikalische Untersuchung dieser ethischen Dilemmata jedoch selten über das Niveau einer Philosophiediskussion in der Oberstufe hinausgeht.
Lights schwarz-weiße Weltsicht wird bereits im Eröffnungslied „Where is the Justice?" etabliert. Er führt seine Mitschüler in einem Song an, der das japanische Justizsystem anprangert, in dem seiner Meinung nach zu viele Straftäter unbestraft bleiben:
Where is the justice when the guilty all go free? Why don't we lock them up and throw away the key?
Sein Lehrer weist ihn sanft zurecht und deutet an, dass die Welt komplizierter sei. Dieser Dialog – die Schuldigen töten versus so einfach ist es nicht – wird schnell zum wiederkehrenden philosophischen Leitmotiv des Stücks.
Lights erster Einsatz des Notizbuchs – die Tötung eines Bewaffneten, der Kinder als Geiseln hält – ist ein unkompliziertes moralisches Szenario. Sobald Light jedoch die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zieht und beginnt, jeden auszuschalten, der ihn zu entlarven droht, bricht die ethische Komplexität seines Handelns rasch zusammen.
Eine oberflächliche Auseinandersetzung mit der Todesstrafe
Zur wichtigen Einordnung: Japan wendet noch immer die Todesstrafe an und wird dabei von der breiten Öffentlichkeit unterstützt – einer Umfrage aus dem Jahr 2025 zufolge befürworten 83,1 Prozent der japanischen Bevölkerung die Todesstrafe. Das Land weist zudem eine Verurteilungsquote von über 99 Prozent auf, was jedoch maßgeblich auf einer niedrigen Anklagequote beruht, da nur Fälle mit starken Beweisen vor Gericht gebracht werden. Diese Faktoren tragen dazu bei, Lights absolutistischen Standpunkt in Fragen der Gerechtigkeit zu erklären, doch sein hartnäckiges Festhalten an dieser Position und sein völliger Mangel an Reue reduzieren ihn schnell zu einer Art Pantomime-Bösewicht.
Wenn ein zuvor wohlgesinnter Shinigami ihn nahe dem Höhepunkt des Stücks als „childish serial killer" bezeichnet, wirkt der Moment eher wie eine Feststellung der Offensichtlichkeit denn als echte Erkenntnis. Eine Geiselszene mit der Popstar-Figur Misa Misa, die kraftvoll singend, mit verbundenen Augen und an Ketten ringend dargestellt wird, während sie in Lights Morde verstrickt gerät, wirkt eher wie eine männliche Fantasie denn als emotionaler Höhepunkt.
Was dem Musical jedoch an philosophischer Tiefe fehlt, macht es durch schiere Produktionsqualität wett. Dies ist zweifellos eine beeindruckende Inszenierung, getragen von einem talentierten und energiegeladenen Ensemble. Der Soundtrack, komponiert vom erfahrenen Broadway-Komponisten Frank Wildhorn – bekannt für Jekyll & Hyde und Bonnie & Clyde –, mit Texten von Jack Murphy, verleiht der Produktion eine epische, Arena-Rock-Theatralik, die das jahrzehntelange Erfolgsrezept in Asien erklärt.
Die visuelle Gestaltung mit dem Bühnenbild von Jon Bausor ist grandios. Die Bühne befindet sich unter einem Betonbalkon, auf dem die Shinigami agieren, welcher wiederum von gewaltigen Projektionen einer ausgedehnten Tokioter Metropole überragt wird. Der Balkon bildet eine markante Diamantstruktur über dem Geschehen und ruft eine Comic-3D-Ästhetik hervor, die hervorragend zum Originalmaterial passt. In der rauen Landschaft des Bühnenbilds lassen sich auch subtile Anklänge an die brutale Architektur des Barbican selbst erkennen. Die Beleuchtung spielt durchgehend eine entscheidende Rolle – Szenen sind häufig in Neon getaucht, während Blackouts und weiße Blitze die dramatischen Höhepunkte akzentuieren.
Man könnte argumentieren, dass das visuelle Design das ideale Gegenstück zum moralischen Rahmen des Stücks bildet: schroff, scharf und von harten Linien geprägt.
Death Note: The Musical wird bis zum 12. September im Barbican Theatre gespielt.