Australien verklagt Telegram wegen Nichtentfernung terrorismusbezogener Inhalte
Wichtige Erkenntnisse
- •Der australische eSafety Commissioner wirft Telegram vor, terrorismusbezogenes Material, das Nutzer zwischen Juli und Oktober 2025 gemeldet hatten, nicht entfernt zu haben – einige Inhalte blieben bis zu drei Wochen online.
- •Das Zivilstrafverfahren kann zu Geldstrafen von bis zu AU$54,6 Millionen führen, falls das Bundesgericht Verstöße gemäß dem Online Safety Act 2021 bestätigt.
- •Die Einreichung nennt ausdrücklich bekannte Angriffsvideos des Moschee-Anschlags von Christchurch und des Supermarkt-Anschlags von Buffalo als Inhalte, die Telegram früher hätte erkennen und entfernen müssen.
- •Telegram hat die Vorwürfe zurückgewiesen und erklärt, während des Jahres 2026 Tausende extremistischer Gemeinschaften gesperrt zu haben, während sich Australiens Fall auf das Verhalten der Plattform im untersuchten Zeitraum konzentriert.
- •Das Verfahren erhöht den wachsenden rechtlichen Druck auf Telegram und Gründer Pavel Durov, der in Frankreich in einem formellen Ermittlungsverfahren steht und von russischen Behörden beschuldigt wird.

Der australische eSafety Commissioner hat ein Zivilstrafverfahren gegen Telegram vor dem Bundesgericht eingeleitet mit der Beschuldigung, die Messaging-Plattform habe terrorismusbezogenes Material nach Nutzermeldungen nicht entfernt. Die Klage folgt auf eine einjährige Untersuchung und kann bei gerichtlicher Bestätigung der Verstöße zu Geldstrafen von bis zu AU$54,6 Millionen führen. Die Maßnahme gehört zu den entschlossensten Durchsetzungsaktionen Australiens, das den eSafety Commissioner im Jahr 2015 als weltweit erste Regierungsbehörde für Onlinesicherheit ins Leben rief und sich seitdem an die Spitze der globalen Plattformregulierung gestellt hat.
Detaillierte Vorwürfe zu Sicherheitsmängeln
Gemäß der Einreichung meldeten Nutzer Telegram zwischen Juli und Oktober 2025 Hinrichtungsvideos und andere rechtswidrige Inhalte. Die Aufsichtsbehörde wirft der Plattform vor, das Material bis zu drei Wochen online gelassen und weder umgehend entfernt noch die kontoverantwortlichen Accounts gesperrt zu haben.
Das Verfahren richtet sich außerdem gegen Telegrams weiterreichende Kontrollmechanismen über extremistische Kanäle, Gruppen und öffentliche Übertragungen. Australien argumentiert, dass die Plattform nach der Identifizierung terrorismusbezogenen Materials keine angemessenen Schritte zur Reduzierung wiederholter Verstöße unternommen habe. Verwandte Accounts seien angeblich aktiv geblieben, wodurch Nutzer weiterhin auf ähnliche Inhalte zugreifen und diese teilen konnten.
Die Aufsichtsbehörde verwies ausdrücklich auf Aufnahmen des Anschlags auf die Christchurch-Moschee und des Schusswaffenangriffs in einem Supermarkt in Buffalo. Laut der Einreichung luden Nutzer bekannte Angriffsvideos bereits Monate hoch, bevor Telegram sie entfernte. Australien argumentiert, dass stärkere Erkennungssysteme derartiges Material wesentlich früher hätten identifizieren und blockieren müssen. Das Christchurch-Material, das 2019 auf Facebook live gestreamt und über Plattformen einschließlich Telegram verbreitet wurde, war Auslöser für die internationale Christchurch-Call-Initiative, unter der sich Regierungen und Technologieunternehmen verpflichteten, terroristische Inhalte im Internet zu beseitigen – eine Verpflichtung, die laut der Einreichung auf Telegrams Diensten offenbar weiterhin nicht erfüllt ist.
Rechtlicher Rahmen und Gerichtsverfahren
Nach dem australischen Online Safety Act 2021 sind Onlinedienste verpflichtet, schwerwiegende rechtswidrige Inhalte zu verhindern, zu erkennen, zu unterbinden und abzuschrecken. Dazu gehören Terrorismusmaterial, Inhalte mit Missbrauch von Kindern, extreme Gewalt und schwerwiegende kriminelle Aktivitäten.
Der eSafety Commissioner wirft Telegram zudem vor, unvollständige Nutzungsbedingungen in Bezug auf terrorismusbezogene Inhalte in seinen Diensten beibehalten und Beschwerdeführer nicht über den Ausgang ihrer Meldungen zu rechtswidrigem Material informiert zu haben. Australien beantragt gerichtliche Feststellungen, Geldstrafen und andere Anordnungen im Zusammenhang mit den angeblichen Verstößen.
Telegram hat die Vorwürfe zurückgewiesen und angekündigt, sich vor Gericht gegen das Verfahren zu weiden. Das Unternehmen erklärt, es habe während des Jahres 2026 Tausende extremistischer Gemeinschaften gesperrt. Der Fall Australiens konzentriert sich jedoch auf Telegrams Verhalten, Systeme und Reaktionen während des untersuchten Zeitraums.
Internationaler Druck auf Telegram
Die australische Klage erhöht die rechtlichen Herausforderungen für Telegram und seinen Gründer Pavel Durov. Durov wurde im August 2024 in Frankreich festgenommen und später wegen angeblicher Mitwirkung bei der Ermöglichung illegaler Aktivitäten auf der Plattform – darunter die Verbreitung von Material über Missbrauch von Kindern und Drogenhandel – formell in ein Ermittlungsverfahren einbezogen. Russische Behörden haben Durov separat beschuldigt, terroristische Aktivitäten über Kanäle ermöglicht zu haben, die angeblich von ukrainischen Akteuren genutzt wurden, und Verfahren mit dem Ziel eingeleitet, ihn auf eine internationale Fahndungsliste zu setzen.
Telegram, das 2013 gestartet wurde, verzeichnet weltweit mehr als eine Milliarde monatlich aktiver Nutzer. Seine großen Gruppenchats und unbegrenzten Übertragungskanäle ermöglichen eine rasante grenzüberschreitende Verbreitung von Informationen. Australien argumentiert, dass diese Größenordnung klare Verpflichtungen zur Begrenzung schwerer Schäden und zur Durchsetzung von Plattformregeln mit sich bringe.
Das Verfahren wird erproben, wie Gerichte systemische Onlinesicherheitspflichten auf große verschlüsselte Messaging-Dienste anwenden. Der australische Online Safety Act gehört zu einer Welle nationaler Regulierungen – neben dem Digital Services Act der EU und dem Online Safety Act 2023 des Vereinigten Königreichs –, die Plattformen zunehmend für systemische Mängel bei der Inhaltsmoderation zur Verantwortung ziehen. Ein Urteil in diesem Fall könnte künftige Durchsetzungsmaßnahmen gegen Plattformen mit öffentlichen Kanälen und Massenverbreitungswerkzeugen prägen. Australien hat erklärt, dass kein Onlinedienst nationale Gesetze umgehen kann, wenn schädliches Material weit verbreitet zugänglich bleibt.