Anthropic stellt Chip-Design-Team auf, da KI-Nachfrage das Angebot übersteigt
Wichtige Erkenntnisse
- •Anthropic hat bestätigt, dass es ein eigenes Team für das Design maßgeschneiderter Chips für seinen KI-Assistenten Claude aufbaut. In einer Stellenausschreibung wird ein Lead Silicon Engineer mit einer Gehaltsspanne von 320.000 bis 485.000 US-Dollar gesucht.
- •Die Stellenbeschreibung erwähnt Verantwortlichkeiten für First-Silicon Bring-up und Debugging, was darauf hindeutet, dass Anthropic einen eigenen Chip fertigen will, anstatt lediglich Hardware von Drittanbietern zu evaluieren.
- •Anthropic plant, neben proprietärer Hardware weiterhin Chips von AWS, Google, Nvidia und AMD zu nutzen, um die Flexibilität der Lieferkette zu erhalten.
- •Anthropic meldete im April einen Run-Rate-Umsatz von über 30 Milliarden US-Dollar – eine Steigerung gegenüber rund 9 Milliarden US-Dollar Ende 2025. Die Zahl der Kunden mit jährlichen Ausgaben von über 1 Million US-Dollar verdoppelte sich auf mehr als 1.000.
- •Anthropic reiht sich ein in OpenAI, das im Juni seinen eigenen Inferenz-Chip Jalapeño vorstellte, sowie in Meta, die ebenfalls proprietäres Silizium entwickeln, um die Abhängigkeit von Nvidia zu verringern und Hardware zu schaffen, die auf ihre eigenen KI-Systeme zugeschnitten ist.

Anthropic hat am Dienstag bestätigt, dass mit dem Aufbau eines eigenen Teams zur Entwicklung maßgeschneiderter Chips für seinen KI-Assistenten Claude begonnen wurde.
Das Unternehmen hat bislang auf Chips anderer Technologieunternehmen zurückgegriffen. Die rasant steigende Nachfrage hat es jedoch dazu veranlasst, eigene Hardware zu entwickeln, um eine schnelle und zuverlässige Systemleistung sicherzustellen. Damit reiht sich Anthropic in eine wachsende Gruppe von KI- und Cloud-Computing-Unternehmen ein, die mehr Kontrolle über ihre Siliziumversorgung anstreben, da KI-Workloads ein Ausmaß erreichen, das der bestehende Chipmarkt kaum noch bedienen kann.
Eine Stellenausschreibung macht monatelange Gerüchte zu einem besetzten Programm
Die Nachricht erging durch eine offizielle Erklärung gegenüber Business Insider, die zudem über eine neue Stelle für einen Lead Silicon Engineer berichtete. Laut Business Insider erklärte ein Sprecher von Anthropic, das Unternehmen werde seine Hardware und seine Modelle gemeinsam entwickeln, damit Claude „schneller und effizienter" läuft – in den Worten des Sprechers – „in dem Maßstab, den unsere Kunden benötigen."
Die Stellenbeschreibung ist ungewöhnlich detailliert. Anthropic sucht Ingenieure mit Erfahrung in Front-End-Design, Pre-Silicon-Verifikation, physischem Design, Analog- und Mixed-Signal-Design sowie Packaging. Die angegebene Gehaltsspanne liegt zwischen 320.000 und 485.000 US-Dollar.
Bewerber müssen laut der Ausschreibung eine „direkte persönliche Mitwirkung" an abgeschlossenen, ausgelieferten Halbleiter-Designs nachweisen und bereit sein, „maßgebliche Entscheidungen ohne eine große Organisation im Rücken zu treffen."
Die Ausschreibung besagt außerdem, dass der neue Mitarbeiter das „First-Silicon Bring-up und Debugging" unterstützen werde, sobald ein Bauteil vorliegt – eine Formulierung, die darauf hindeutet, dass das Unternehmen einen Chip zur Fertigung freigeben will, anstatt lediglich Hardware von Drittanbietern zu evaluieren. Der Verweis auf First-Silicon Bring-up ist beachtlich, da die Entwicklung maßgeschneiderter Chips typischerweise mehrere Jahre dauert – von der anfänglichen Architektur über die Fertigung und das Testen bis hin zum Einsatz in großen Stückzahlen.
Medien wie Reuters und The Information hatten zuvor berichtet, dass Anthropic Gespräche über Fertigungspartnerschaften mit Unternehmen wie Samsung geführt habe. Das Unternehmen hat jedoch weder ein Werk genannt noch ein Veröffentlichungsdatum genannt.
Den Layer besitzen, den man derzeit mietet
Anthropic erklärte auch, dass das Unternehmen seine derzeitigen Lieferanten nicht aufgeben werde. Der Sprecher betonte, dass Anthropic neben seiner eigenen Hardware weiterhin Chips von AWS, Google, Nvidia und AMD einsetzen wolle, um seine Lieferkette flexibel zu halten.
Die wirtschaftliche Begründung ergibt sich aus Anthropics eigenem Wachstum. Berichten zufolge gab das Unternehmen im April an, dass sein Run-Rate-Umsatz mehr als 30 Milliarden US-Dollar überschritten habe – eine Steigerung gegenüber rund 9 Milliarden US-Dollar Ende 2025. Zudem habe sich die Zahl der Kunden mit jährlichen Ausgaben von mehr als 1 Million US-Dollar auf über 1.000 verdoppelt.
Der Rechenbedarf des Unternehmens wird derzeit durch Silizium anderer Anbieter gedeckt, darunter AWS Trainium, Google TPUs und Nvidia GPUs. Dabei sind mehrere Gigawatt an Kapazität für Googles TPU der nächsten Generation ab 2027 zugesagt. Ein eigener Chip würde Anthropic das Eigentum an einer Schicht dieses Stacks verschaffen, anstatt sie weiterhin zu mieten. Google ging vor etwa einem Jahrzehnt einen ähnlichen Weg, als es mit der Entwicklung seiner Tensor Processing Units begann, und etablierte damit eine Vorlage, die Hyperscaler und KI-Labore zunehmend übernehmen, während die Kosten für Modelltraining und Inferenz steigen.
OpenAI und Meta waren schneller
Anthropic ist nicht das erste KI-Forschungslabor, das proprietäres Silizium entwickelt. OpenAI stellte im Juni einen speziell entwickelten Inferenz-Chip namens Jalapeño vor, der in Zusammenarbeit mit Broadcom entstand. OpenAI gab an, dass der Chip die Kosten um bis zu 50 % senken könne. Broadcom war außerdem als Design- und Packaging-Partner im TPU-Programm von Google tätig und verfügt damit über umfangreiche Erfahrung mit eben jener Art von maßgeschneidertem KI-Silizium, die nun OpenAI und potenziell auch Anthropic verfolgen.
Auch andere große Akteure bewegen sich in dieselbe Richtung. Meta bereitet sich darauf vor, in Kürze mit der Produktion eigener Chips zu beginnen, und kleinere Start-ups prüfen ähnliche Pläne. Das Ziel aller ist dasselbe: die Abhängigkeit von Nvidia reduzieren, deren Chips den Markt weiterhin dominieren, und Hardware entwickeln, die besser auf die jeweiligen eigenen KI-Systeme zugeschnitten ist.
Der Schritt könnte Anthropic zudem bei der Rekrutierung von Ingenieuren helfen. Mit der Möglichkeit, neue Hardware von Grund auf neu aufzubauen, kann das Unternehmen technischen Talenten einen weiteren Grund bieten, sich dem Unternehmen anzuschließen – in einem Umfeld, in dem der Wettbewerb um Fachkräfte im Bereich Halbleiter und KI-Infrastruktur immer intensiver wird.